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Herr Bolzheimer………oder Herbolzheimer Krisengericht
Zu Gast in Peter Herbolzheimers Zwiebelhaushalt

Wer wie Bandleader-Legende Peter Herbolzheimer schon ganz anderes durchgemacht hat, der weiß sich auch in Zeiten wie diesen zu helfen – im Falle eine Notfalles lässt sich auch mit einfachen Mitteln etwas Schmackhaftes zaubern. Unser Chef-Gourmet, Bassist Dieter Ilg, fand an dem Krisengericht durchaus Gefallen.

Im Vorfeld hatte ich vergeblich versucht, einen Winzersekt aus dem badischen Herbolzheim bei Freiburg ausfindig zu machen. Es wollte nicht gelingen, diese kleine Ehrerbietung vinologischer Art. Zudem unser Gastgeber mehr aus dem fränkischen Herbolzheim im Steigerwald familiäre Wurzeln vermutet. Und eines der Hauptbestandteile unseres Jazzthing-Krisengerichts bildet eine gewisse Knolle, eine aus Südamerika stammende. Der gemeine Leser assoziiert hier vielleicht schon Salsa oder ganz klischeehaft den flötenden Indiojungen aus Peru; natürlich in musikalischer Hinsicht. Der ungemeine Leser seinerseits ist die letzten Jahre in Deutschlands Fußgängerzonen besonders mit diversen Andencombos in Berührung gekommen, neben den unvermeidlichen Didgeridoospielern aus allen Herren wie Damen Länder. Da wir momentan insbesondere in der Presse bzw. in unterschiedlichsten Medien im allgemeinen mit der „Finanzkrise“ konfrontiert sind und werden, war Peters Vorschlag, der Zubereitung eines oder des – wie er es bezeichnet – typisch rumänisch-jüdischen Gerichts, der geeignete Anlass bei Herr und Frau Herbolzheimer vorbeizuschauen. Gut, was haben die meisten Leute zuhause – zumindest in Bukarest – ? Eben, eine Knolle namens Kartoffel.

Diese Erdfrucht genießt eindeutig auch deutschen Identifikationsstatus, obwohl sie vor einigen Jahrhunderten ein exotisches Früchtchen darstellte, mit der sich nicht jeder anfreunden konnte und sie deshalb mitunter aufs Heftigste bekämpft wurde. Bis Friedrich der Große zur Tat, das heißt, zum Befehl schritt. Leuchtet bei dem ein oder anderen ein Lämpchen der Erkenntnis auf, dass Fremdes im Laufe der Zeit zum Einheimischen sich verwandeln kann? Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Aus Gewohnheit entstehen auch Rituale. Und exakt das besagte Gericht, um das es heute geht, dient als solches bei unserem Maitre de Bigband, Peter Herbolzheimer.
Hoch über Köln lassen wir uns erst einmal ins Sofa fallen. Peter stöhnt über all die Telephonate, die er den ganzen Tag über führen mußte: „Ich bin abgelaufen“. Organisation einer bevorstehenden Reise in die Ukraine, das Leid der Bürokratie im allgemeinen. Das schlaucht. An Schilda teilweise nicht zu überbeiten, sind doch angeblich über 70% aller Steuergesetzregelungen dieser Welt deutsch ! Das Land der Ausnahmeregelungen. Ein Leben unter der Knute der Lobbyisten. Zum Wohl ? Wessen ?
Photograph Lutz knabbert derweil schon an einem Brot, bestrichen mit rumänischer Paprikapaste. Diese wird Zacusca genannt und in Rumänien von jeder Familie selbst produziert.
Smalltalk, es geht hin und her. Wir reden als nächstes über die Bausubstanz alter Gebäude und die Renovierung derselben zwecks Energieeinsparung. Ein hochaktuelles Thema, das in der Realität zuwenig Aufmerksamkeit bekommt, beklagt Peter. Wußten Sie, dass in Deutschland nach dem 2.Weltkrieg mehr Häuser als im Krieg selbst zerstört worden sind ? Wir politisieren weiter:“Ich hasse Gleichförmigkeit und Uniformierung.“ Und landen bei der Kfz-Abgaspolitik. Schon mein Automechaniker wundert sich, dass immer nur die Pkw-Abgase und nicht auch unsere privaten Hausbefeuerungsrauchzeichen in ihrer Schwere erkannt werden. Gerade was die Belastung unseres Körpers mit Feinstpartikel betrifft. Und das unsägliche Gegurke mit der Kfz-Steuerneuregelung ist ja höchstaktuell.
Peter und seine Frau Gisela sind sich dieser Problematik auch mehr und mehr bewußt. Wenn es dann eben zur Arbeit in die Ukraine geht, ist es eben so, mit allem ökologischen Wahnsinn. Die Globalisierung wirft die Arbeit ab und an weit vom eigenen Nest ins Geschehen.

Gehen wir jetzt weniger hart mit diesem Tun, mit dem wir alle konfrontiert sind, ins Gericht und widmen uns nicht dem Linsengericht sondern dem des umtriebigen Arrangeurs: der Verwandlung eines Nachtschattengewächses zum Krisengericht. Passend für alle nachtaktiven Musiker ? Peters Frau Gisela schwärmt von ihrem Zwiebelhackmaschinchen und zeigt sie uns fröhlich. Peter schält die gekochten Kartoffeln: „Wir sind halt ein Zwiebelhaushalt.“ Und zu seiner Handhabung des Schälmessers meint er selbstironisch: „Ich weiß nur noch wie der Säbel geführt wird………“. Im Anschluß an das Zergabeln der geschälten Erdäpfel werden nach gusto beliebig viel gekochte Eier und rohe, gehackte Zwiebeln beigemengt, Sonnenblumenöl oder wer mag auch Olivenöl sowie Pfeffer und Salz zugeführt und zu einem Stampf verarbeitet. Das Abschmecken überläßt sich Peter selbst und fügt noch weitere Ölstöße zur Masse. Und fertig. Ein traditionelles Schnellgericht nach Art des Hauses. Der Autor möchte hinzufügen, dass die Verwendung gedünsteter statt roher Zwiebeln durchaus eine vorstellbare Variante wäre.

Wir werden zu Tisch gebeten. Gisela köpft – im weiten Vorfeld der Fußballweltmeisterschaft 2010 in Südafrika – eine Flasche KMV 2003er Chardonnay und fügt hinzu, dass nahezu alle Weinberge Südafrikas nach Norden ausgerichtet sind. Kurzes Stirnrunzeln erwartend fügt sie sogleich hinzu, dass sich dieser Teil Afrikas auf der anderen Seite des Äquators befindet. Ja denn, der Äquator macht die Musik. Und alles hat seinen Fluß.
Peter schenkt sich reines Wasser ein und gönnt sich einen kleinen Nachschlag: ich bin ein sehr großer Eisfan und befriedige diese Sucht mindestens einmal täglich.“ Grinsen. Lange Zeit großer Sorbet-Fan, bevorzugt der ehemalige Vertreter von Hoyer-Bässen zuhause als Standard ein Mövenpick-Vanilleeis. Gisela bringt den selbst angesetzten Rumtopf, der das Geeiste begleiten soll. Ja, das Thema Früchte. Peter klagt:“Es ist schwieriger geworden, gutes Obst zu bekommen. Das meiste ist unreif und vertrocknet. Tolles Aussehen, beschissener Geschmack.“ Wie vieles im Leben, mehr Schein denn Sein. Wir kommen wieder auf seine Zeit in Bukarest zu sprechen. Er erinnert sich daran, dass Samstag und besonders Sonntag früher für ihn schreckliche Tage gewesen sind, in denen „das Leben erstirbt.“ Ich kenne das auch: in jungen Jahren Sonntag morgens um 7h00 ministrieren gehen und den ganzen Tag ohne Fußballkameraden auskommen müssen. Das ist nicht lustig. Nun könnte noch ein Gläschen Tzuika – eine Art milder Pflaumenschnaps – einverleibt werden oder ein anderes Verdauungswässerchen. Ach, ein Fencheltee tuts mindestens genauso gut. Und wie weggeblasen ist jede Krise…..gegen sie hilft nur die Prise. Frei nach Heinz Ehrhard, dem Geburtstagkind. Peter lacht und begleitet uns zur Tür, die Fahrstuhltür öffnet sich und bevor sie uns schluckt winken wir uns alle gegenseitig aufs Heftigste. Bis bald !

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