Jazz Cooks 54

Vater & Sohn
Familiengericht mit Wolfgang Dauner

Ein grün-rotes Pastagericht – etwa zur Würdigung der ersten so gefärbten Landesregierung in Baden-Württemberg? Eher ein Beweis, dass der Stuttgarter Tastenmeister Wolfgang Dauner auch in der Küche geschmacksicher zu agieren weiß – zur Freude seines Sohnes Florian und unseres Chef-Gourmets Dieter Ilg.

Wolfgang Dauner sagte, daß er „eigentlich nur für 2 Personen kochen kann“. Prima, dann laden wir seinen Sohn Florian, Drummer bei den Fantastischen Vier gleich mit ein. Und kaum durchschreite ich den Türrahmen in Stuttgart, lausche ich Anekdoten aus den Zeiten von Vater und Sohn. Erziehung musikalischer wie ernährungsinhaltlicher Art. Florian „Flo“ Dauner spricht entzückt von den „sensationellen Pfannkuchen“ seines Vaters Wolfgang, daß es fast schon wie Verklärung anmutet. Ich träume mit und stelle mir den perfekten Pfannkuchen vor wie im Märchen „Der Süße Brei“ der Gebrüder Grimm, immer und ewig aus der Pfanne quellend…..

Nach 25 Jahren Pause kuckt Florian zum ersten Male wieder zu wie sein Vater kocht. Der trommelnde Sohn bekennt während seines Studiums in Boston auf jeden Fall zwei Mal wöchentlich zu Mc Donald´s gepilgert zu sein. „Die doppelte Kohlenhydratgeschichte fand früher immer an Weihnachten statt“ erinnert sich Florian und zählt den für die Familie typischen Dezemberschmaus vor: Braten, Spätzle, Kartoffelsalat und grüner Salat. Doch zuvor ergötzt sich die Besucherschar an den fingerfood-affinen Antipasti Misto, die zur Stärkung fürs Kochen angerichtet sind.

Hm, Wolfgang hat sich entschieden, ein grün-rotes Pastagericht zu zelebrieren. Ist das die lukullische Inkarnation der neuen Baden-Württembergischen Landesregierung ? Ein Schock für die Traditionalisten, statt gewohntem Pfannkuchen, integrationsbehaftete schwäbische pasta-Adaption? Mamma mia.
Übrigens, warum sieht man in Stuttgart so viele gut aussehende schwarzhaarige, stattliche Italiener, unter denen sich der ein oder andere Schwabe herauskristallisiert ? Ob sich das mit dem Eisenbahn – oder Bergbau vergangener Jahrhunderte erklären läßt ?
Interessant ist in diesem Zusammenhang ein Buchtipp: Petra Reski, Von Kamen nach Corleone, Die Mafia in Deutschland, Hoffmann und Campe 2010.

Manch einer bringt alles durcheinander, oder ist nicht befähigt zu differenzieren. Nicht so unser Mann hinterm Herd, wie es scheint, ein waschechter Stuttgarter, den ich kennenlernte wie ihn alle Jazzfans beschreiben würden: mit langem Pferdeschwanz. Wolfgang widmet sich der Entdeckelung der grünen Paprika. Reife Früchtchen rundum, denn die Paprika ist schlicht ein Beere; aus botanischer Sicht vernehme ich. Große Scheiben werden mit Sorgfalt geschnitten, nachdem die Kerne im Innern entfernt worden waren. Sodann wendet sich der Urschreivater des Jazzpianos in Deutschland den großen und fetten Ochsenherztomaten zu. Auch hier findet eine Scheibelung statt.

Für manche unserer S21- hardliner scheint was die Kosten des unterirdischen Bahnhofs und seiner Zufahrtswege etc. betrifft, die Erde eine Scheibe zu sein. Verkehrlich den ausbaufähigen Kopfbahnhof durch einen unzulänglichen Tunnelbau zu ersetzen, ist und bleibt – egal wie eine Volksabstimmung o.ä. aussehen möge, ein Schildbürgerstreich. Nicht der erste.

Kürzlich las ich die Frage: „Kriminelle Vereinigung mit 21 Buchstaben? Richtig, Futtermittelindustrie…….“ aha, jetzt bin ich wieder zum Essen zurückgekehrt und nasche Kapernäpfel wie getrocknete Tomaten.

„Die Braunfäule ist wieder rumgegangen“ erläutert der Pianobarde den Grund, gekaufte und keine eigenen Tomaten zu verwenden. Eisenhart, ein berühmter, bundesverdienstkreuzttragender Jazzpianist mit eigenen Tomatenpflanzen. Mein Herz erwärmt sich.

Wolfgang Dauners Frau Randi baut laut des Tastenmeisters Aussage die verschiedensten Kräuter in ihrem Garten an, desgleichen auch scharfe Chillies. “Die sind so scharf, da brauchst Du nur die Schüssel mit auszureiben, das reicht !“ Spaghetti aglio e olio e peperoncino…..sinniere ich. „`Barilla sind die besten` hat der alte Da Franco aus der Calwer Straße gesagt“, fügt Wolfgang hinzu. Aha, unbezahlte Schleichwerbung, wo gibt’s denn sowas ? Ich bekenne mich zu Rustichella D´Abruzzo und schwäbischen Nudelprodukten wie Albgold-Teigwaren aus Dinkel. Starten wir einen kleinen Markenkrieg. „Nun gut“, seufzt Wolfgang, „vor ca. 50 Jahren probierte ich mich zum ersten Mal bei einem Freund an diesem Pastagericht.“ Besser ein Gericht vom Richter als im Gericht vorm Richter….entsprudelt es meinen Kalauerwahngedanken.

Da hilft nur noch Butter. Handgeschöpfte Butter. „Macht echt Spaß Dich kochen zu sehen“ fügt Florian an, der sich bisher bedächtig unverdächtig im Kochhintergrund gehalten hat. Sein Vater greift sich die gußeiserne Pfanne und haut die Butter in dieselbige. Die Paprikascheiben werden ins heiße Fett und die tomatenen in einer anderen Pfanne auf mittlerer Hitze angeschwitzt. Nun werden die Teller mit den gleichzeitig gekochten Spaghetti beladen.
„Wir haben mindestens 20 verschiedene Basilikumsorten im Garten“ schwärmt Wolfgang, als er bemerkt, das grüne Kräuterlein zuhause vergessen zu haben. Florian schwelgt so stark in seinen sozialisierenden Essgewohnheiten, daß er seine Leib – und Magenspeise von Minute zu Minute immer mehr vermißt und halb verzweifelt, halb wehmütig seinen Vater an früher erinnert. Das nimmt Wolfgang als Vorlage auf und schmettert ein vergnügtes „Ich bin der absolute Pfannkuchen-King !“ in die Runde. Bilder aus dem Pfannkuchenhimmel schwirren durch den Raum.
Am Tische sitzend kredenzen unseres Kochtreffens Hausherr Hans Batschauer und Hausdame Dagmar Heerdt einen Riesling trocken von Wöhrwag, Edition 2009, aus Stuttgart-Untertürkheim.
„Ä Lorbeerblatt und Bauchspeck muß rein“ meint Wolfgang zum schwäbischen Nationalgericht Linsen & Spätzle. Hanoi. Kennt jemand das Offenburger Schweineschwänzlefest ? Für manch einen zählt ein getrocknetes Schweineschwänzle zum Hundefutter, einem anderen läuft das Wasser im Mund zusammen. Daß in der Massentierhaltung um die Ecke und in anderen tierungerechten Bestallungen das vermaledeite Kupieren des Schweinschwanzes zum Alltag gehört, macht dieses Stückchen „Würde“ zu einer fatalen Delikatesse; oder eben nur zu Hundefutter. Schöne Gesellschaft.
Wir sprechen von alten MPS-Aufnahmen, Wolfgang berichtet über „16 Kanäle aber nur 4 Summen“. Ach, das gute alte Vinyl, ein Trumpf des Wertkonservativen.
Die Zeit verläuft im Allmählichen und Florian lächelt seinen Vater an, als dieser von der „Supergroove“ seiner Lieblingsrythmusgruppe der 60er-Jahre spricht: „Hartwig Baartz und Peter Trunk !“
Zum Abschluß will ich noch wissen, was des Transtanz-Komponisten freudigstes Frühstück sei: Croissant und Kaffee mit Milch und Zucker. Florian, der Stockhalter der Fantastischen 4 – ob die auch Bluna trinken ? – zählt ein englisches Frühstück zu seinen Vorlieben: Bohnen, braune Sauce, Würstchen, eine geschmorte Tomate mit Spiegeleiern.

Während ich all diese darniederkritzle, hallt das Brutzeln eines feisten Pfannkuchens in meinem Schädel. Schade, nur eine „Vater“ Morgana…..

Empfehlungen des Autors:

Auch nicht weit vom Hbf in Niedersachsens Hauptstadt entfernt, befindet sich hinter typischen Buntglasfenstern eine feine Adresse für gute deutsche Hausmannskost ! Thomas Quasthoff liebt dieses Lokal und stellte es mir vor. Wenn Sie auf Bratkartoffeln stehen, müssen Sie sich hier setzen und bestellen. Dazu vielleicht Sülze oder hausgemachtes Sauerfleisch, Tatar vom Rind, Matjesfilet oder Spiegeleier. Irgendwie wie damals, als ich noch mit meinem Opa nach dem Fußballplatzbesuch einkehren durfte. Schlürfen Sie ein Herrenhäuser vom Fass und erfreuen sich an währschaftem Essen und fairen Preisen. Auch wenn Sie am nächsten Tag wieder auf die Messe müssen…..einziges Manko für mich: südamerikanisches Rinderfilet. Wie wäre es mit regionalerem Fleisch von kleinen, feinen Erzeugern ?

Gaststätte Vater & Sohn
Warmbüchenstr. 30
D-30159 Hannover
fon +49-511-321276
geöffnet Mo- Fr. 16.00 – 01.00 Uhr
Sa, So & Feiertags Ruhetag
Küche bis 23.00 Uhr
www.restaurant-vater-und-sohn.de