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Dieter Ilg

Otello live at Schloss Elmau / Special analogue edition

Bisher unveröffentlichte Variationen von Dieter Ilg, nach Giuseppe Verdis Oper „Otello“

Oper und Jazz? Die Kombination mag auf den ersten Blick irritieren. Ist Oper nicht grellbunte, artifizielle Theatralik? Und ist Jazz nicht das genaue Gegenteil, nämlich spontaner, ehrlicher Ausdruck? Und doch sind die Übergänge fließend. Sagen wir es so: Oper war die Popmusik des 19. Jahrhunderts. Ob der gefeierte Solo-Virtuose oder die Straßen-Blaskapelle: Was sie damals vorzugsweise unter die Leute brachten, das waren Opern-Potpourris. Das galt auch für New Orleans, die multikulturelle Hafenstadt, wo Ende des 19. Jahrhunderts der Jazz entstand. Louis Armstrong hörte in jungen Jahren mit Begeisterung die Schallplatten von gefeierten italienischen Opernstimmen wie Caruso und Galli-Curci und formte sein Trompetenspiel nach ihrem Vorbild. Im Vendome Theater von Chicago blies Armstrong in den Zwanzigern mit der Band von Erskine Tate Melodien von Mascagni und Suppé. In New York schließlich war er einer der Ersten, der die Songs des Broadways in den Jazz brachte. Und was waren diese Bühnensongs im Ursprung anderes als grellbunte, artifizielle Theatralik? „M’ascolta“, das erste Stück auf dieser Schallplatte, beginnt mit seltsamen Geräuschen. Ihr Urheber ist Patrice Heral, der ins Exzentrische tendierende Schlagzeuger dieses Trios, der nicht nur eine breite Palette an Perkussionsfarben liebt, sondern zuweilen auch seinen Atem und seine Stimme fantasievoll einsetzt. Der Effekt hier hat etwas Psychedelisches – fast so, als ob wir einen Nebel aus Zeit und Raum und Ignoranz durchqueren müssten, um uns Verdis Arien aus einer neuen Perspektive nähern zu können: aus der Perspektive des Jazz nämlich. „Der Jazz ist auch aus Verdi geboren“, sagt Dieter Ilg, der Leiter des Trios und einer der besten Kontrabassisten Europas. Für ihn sind die Verwandtschaften zwischen den harmonischen Wendungen bei Verdi und denen im modernen Jazz unüberhörbar. Sein Trio-Projekt „Otello“, das er 2009 startete, ist daher nur konsequent, kehrt es doch nach oben, was bei Verdi immer schon schlummerte. „Fuoco di gioia“ entfaltet eleganten Groove, „Ave Maria“ wird zur tiefsinnigen Trio-Ballade, „O là“ zu zupackendem Modern Jazz. Und im Schlussstück „Otello“ gibt es Episoden von geradezu bluesiger Intensität.

Bei Dieter Ilgs „Otello“ hört man, dass in Verdi vieles von dem drinsteckt, was später zu Jazz wurde und was Jazz bis heute ausmacht. Es wurde Zeit, dass Jazzmusiker ihr Ureigenes im scheinbar Fremden entdecken: „Wir streicheln Giuseppe Verdis Musik mit unseren Instrumenten“, sagt Dieter Ilg, bekannt als ein Gourmet des Gaumens wie des Ohrs, der einen geradezu arioso singenden Kontrabass zupft. „Diese Musik ist so wunderbar melodisch. Sie ist aufregend und dann wieder beruhigend, sie ist besänftigend und gleichzeitig aufwühlend.“ In Rainer Böhm hat das Trio einen Pianisten, der alle diese verschiedenen Facetten zum Aufglänzen bringt – mal mit sparsamer Geste, mal mit schwelgerischer Fantasie. Das Ergebnis sind Konzentrate aus Leidenschaft und Spannung. Und genau diese verdichtete Emotion ist es, die Verdi und Jazz verbindet: „Das Wichtigste an Otello“, sagt Dieter Ilg, „ist für mich das dramatische Moment der Musik.“ Hans-Jürgen Schaal